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Thursday, January 12, 2006

Mauss, Van Gennep
Diskutiere die wichtigsten Aussagen der Werke „Die Gabe“ von Marcel Mauss und „Rites de Passage“ von Arnold Van Gennep. Wie sind die beiden Autoren im Kontinuum ausgehend vom Durkheim’schen Werk bis zum Strukturalismus einzuordnen?

Marcel Mauss wurde am 10. Mai 1872 in Epinal geboren (gestorben 1950) und galt als der bedeutendste und wichtigste Kollaborateur von Emile Durkheim. Sein Werk an sich fand sehr große Bedeutung in der Ethnologie, doch nicht zuletzt trug die Tatsache, dass er der Sohn von Durkheims älterer Schwester war, zu seinem Erfolg bei. Nach dem frühen Tod von Mauss Vater sorgte sich Durkheim sehr bemüht um seinen Neffen und führte ihn in die Lehren der Anthropologie ein. Gemeinsam gingen sie nach Bordeaux und später nach Paris, wo Mauss an der Ecole des Hautes Etudes lehrte bevor er Professor am College de France wurde. Zusammen mit seinem Lehrer und Onkel gründete er die L'Année Sociologique und im Jahr 1925, zusammen mit Paul Rivert, das Institut d'Ethnologie in Paris. Nach dem ersten Weltkrieg, wo die meisten seiner Kollegen getötet wurden und auch sein Onkel starb, lehrte er eine neue Generation von Anthropologen und Soziologen, unter anderem Claude Levi-Strauss und Louis Dumont.

Mauss war wie sein Onkel ein „armchair anthropologist“, er betrieb selbst keine Feldforschung, stützte sich aber auf die Berichte anderer, wie die von Franz Boas über die Kwakiutl Indianer im Nordwesten der Vereinigten Staaten. Er untersuchte das dort gefeierte Potlatch Fest, ein Geschenkverteilungsfest, bei dem Gaben nicht markt- oder profitorientiert ausgetaucht und geschenkt werden, und verglich dies mit ähnlichen archaischen Kulten wie dem von Bronislaw Malinowski erforschten Kula Kult auf den Trobriand Inseln in Melanesien. In seinem bedeutendsten Werk „Die Gabe“ stellte Mauss sein gesammeltes ethnographisches Material zusammen und erklärte die Form und Funktion des Austauschs in „primitiven“ Gesellschaften.

In „Die Gabe“ behauptete Mauss, dass Gaben/Geschenke niemals „frei“ sind, sondern immer einen wechselseitigen Austausch, eine Reziprozität erfordern. Für ihn stellte sich die Frage welche Kraft ein geschenktes Objekt besitzt, so dass der Empfänger sich verpflichtet fühlt, im Gegenzug etwas zurückzuschenken. Die Antwort die er fand, erwies sich als einfach: die Gabe ist eine „total prestation“ (eine Schuld oder Rückzahlung, die auf allen möglichen sozialen Tatsachen beruht, also die Gesellschaft als Ganzes repräsentiert), die inspiriert von einem spirituellen Mechanismus sowohl Schenker als auch Empfänger mit Ehre und Prestige belegt. Diese Transaktion überschreitet die Spaltung von Spiritualität und Materialität und führt zu etwas, das Mauss als fast „magisch“ bezeichnet [1]. Der Schenker gibt nicht nur ein Objekt, sondern auch einen Teil von sich selbst, da das Objekt mit der Person auf eine spirituelle Art verbunden bleibt. Durch diese Verbundenheit entsteht beim so genannten „gift-giving“ ein sozialer Bund, der die beschenkte Person veranlasst, etwas zurückzuschenken. Denn wer dieses Geschenk nicht erwidert, verliert seine Ehre und seinen sozialen Stellenwert.

Aufgrund dieser Tatsachen erkannte Mauss drei Pflichten des „gift-giving“: die Pflicht die Gabe zu schenken, wo man sich als freigiebig und respektwürdig zeigt, die Pflicht die Gabe anzunehmen, was Respekt gegenüber dem Schenker zeigt, und die Pflicht eine Gabe zurückzuschenken, was demonstriert, dass man genauso viel Ehre besitzt wie der originale Schenker [2]. Durch das Schenken, Annehmen, und Zurückschenken, entsteht eine moralische und soziale Verbindung zwischen den Personen, die die Gabe austauschen. Zugleich gibt es auch einen konkurrierenden Aspekt beim Geschenkgeben, denn wer mehr schenkt erlangt mehr Anerkennung und Prestige. Mit diesen Gedanken legte Mauss das Fundament soziale Beziehungen zumindest theoretisch verstehen zu können.

Obwohl „Die Gabe“ ein bedeutendes und ohne Zweifel wichtiges Werk in der Anthropologie darstellt, wurde Mauss mit seiner Meinung über das gegenseitige Schenken heftig kritisiert. Vor allem der Gedanke, dass es keine „freien“ Gaben gibt und Schenken nur auf einem wechselseitigem Austausch beruht, wurde von vielen seiner Zeitgenossen und Nachfolgern nicht geteilt. Ihm wurde, ähnlich wie Durkheim, vorgeworfen, zu einseitig zu denken, vor allem aufgrund dessen, weil er selbst nie im Feld war um seine eigenen Erfahrungen zu sammeln. Andererseits zweifelte er selbst auch oft an Durkheims theoretischen Entwürfen, wie z.B. dass das „Heilige“ universell bedeutsam war, und machte sich zum Ziel, die Lücken in den Aussagen seines Onkels zu füllen. Er lehnte das Durkheimische System von Theorien ab und stützte sich mehr auf Tatsachen. Mauss berühmter Status als Protostrukturalist ist ebenfalls noch wichtig erwähnt werden, da seine Arbeit über die Gabe die Wichtigkeit von sozialen Beziehungen erkannte und einen bedeutsamen Einfluss auf die Entwicklung des Strukturalismus durch seinen Schüler Levi-Strauss hatte [3].


Arnold Van Gennep (geboren am 23. April 1873 in Ludwigsburg, gestorben 1957), nahm eine Sonderstellung in der französischen Ethnologie ein. Geboren in Deutschland als Sohn eines Dänen und einer Französin, galt er als Außenseiter in der frankophonen Ethnologie und wurde vor allem von Durkheim und seinem Zirkel von Beginn an kritisiert. Er verbrachte nahezu sein ganzes Leben in Frankreich, wo er Ethnologie, Volkskunde und Ägyptologie studierte. Seine einzige akademische Lehrtätigkeit war als Inhaber des Lehrstuhles für Ethnographie an der Universität in Neuchatel in der Schweiz, wohin er drei Jahre während des ersten Weltkriegs flüchtete. Anders als Durkheim, Mauss, und die meisten anderen Franzosen, war Van Gennep ein richtiger Feldforscher.

Sein ethnographischer Ansatz wurde von Durkheims Seite sehr heftig kritisiert, und zwar nicht direkt wegen seinen Erfahrungen im Feld, sondern wegen bestimmter Forschungsberichte über die Religionen „primitiver“ Kulturen, die Durkheims Theorien widersprachen (z.B. dass nicht jeder Klan Totems hat und nicht jedes Totem mit einer gesellschaftlichen Gruppe verbunden sein muss). Er war auch der erste, der Durkheims Theorien über den Totemismus als zu starr und steif kritisierte.

Van Genneps ethnographische Erfahrungen formten aber auch seine Bücher und Artikel, in denen er gleich viel Interesse sowohl der Anthropologie der Religion als auch der Volkskunde zum Ausdruck brachte. Sein wichtigstes und bekanntestes Werk ist zweifellos „The Rites of Passage“ (dt. Übergangsriten), in dem er reichlich ethnographische Daten verwendete um ein Modell von rituellen Prozessen zu belegen, das oft zitiert und manchmal abgeändert wurde, aber seit seinem Erscheinen niemals wirklich kritisiert oder übertroffen wurde [4].

In „The rites of Passage“ erklärte Van Gennep das Prinzip der Übergangsrituale. Er hatte beobachtet, dass im Verlauf des gesellschaftlichen Lebens eines Individuums zahlreiche Übergänge zwischen zwei Lebensstadien oder zwei sozialen Zuständen vollzogen werden müssen, z.B. zwischen Jugend und Mannesalter, Mädchen und Frau, unverheiratet und verheiratet, Außenstehender und Mitglied usw. Es scheinen diese Übergänge, die vor allem in vorindustriellen Gesellschaften fester Bestandteil des sozialen Lebens sind, als eine potentielle Gefahr betrachtet worden zu sein, und entsprechend konnten sie nicht individuell vollzogen werden, sondern mussten rituell bewältigt werden [5]. Van Gennep analysierte die Struktur dieser Übergangsriten vor allem anhand von Initiationsriten „primitiver“ Gesellschaften und kam auf das Ergebnis, dass jedes Übergangsritual in 3 Phasen unterteilt ist: 1) Ablösungsphase: Ausgliederung aus dem alten Alltag, 2) Zwischenphase: Periode der Liminalität, ein anderer Bewusstseinszustand oder Trance tritt ein, 3) Integrationsphase: Wiedereingliederung in einen neuen Alltag. Weil die liminale Phase das normale soziale Leben in gewisser Weise auflöst oder verändert, stand und steht sie im Mittelpunkt der anthropologischen Aufmerksamkeit. Manchmal, so anerkannte Van Gennep, ist die liminale Phase nur sehr kurz, aber sie ist immer präsent. Seine einflussreiche Theorie über die Übergangsriten und das 3-Phasen-Modell wurde vor allem von dem britischen Ethnologen Victor Turner weiterentwickelt.

Van Genneps Modell ist zweifellos ein strukturelles, weil er behauptet, dass alle Riten in allen Gesellschaften drei Phasen aufweisen, egal was der eigentliche Grund für das Ritual ist. Es ist auch sicher ein prozessuales Modell, weil sich das Ritual von einer Phase zur nächsten verändert und auch den Status von Personen ändert. Diesen Protostrukturalismus (zu dem er auf jeden Fall zählte) mit einer prozessualen Ansicht zu verbinden war ein hoch entwickelter Schritt und auch eine große Leistung für jemanden, der all zu oft, vor allem von den „Durkheims“, als ein Volkskundler abgelehnt wurde, dessen Werk ganz ohne Bedeutung und Wert war [6]. Ganz im Gegenteil, Van Genneps „The Rites of Passage“ ist auch heute noch eines der bedeutendsten Werke der Anthropologie, das insgesamt wenig kritisiert und zweifellos noch nicht übertroffen wurde.


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Marcel_Mauss, 9.Jänner 2006
[2] http://www.anthrobase.com/Dic/eng/pers/mauss_marcel.htm, 9.Jänner 2006
[3] Parkin, Robert: The French-Speaking Countries. In: Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman: One discipline, four ways: British, German, French, and American anthropology. Chicago 2005, S.189
[4] Parkin, ebenda. S. 181
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Übergangsriten, 10.Jänner 2006
[6] Parkin, ebenda. S. 182

Thursday, November 24, 2005

Durkheim
4. Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jahrhunderts? Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?

Biografie und Einleitung:

David Emile Durkheim wurde am 15.April 1858 in Epinal, Lorraine, Frankreich, als Sohn einer jüdischen Familie geboren. Sein Vater Moise war wie sein Großvater Rabbi der jüdischen Gemeinde in Epinal, und so verbrachte auch Emile die ersten Jahre seiner Schulausbildung in einer Rabbi-Schule. Doch der junge Durkheim verabschiedete sich bald von dem Gedanken in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und ging nach Paris, wo er sich dann endgültig vom Judentum löste. Wie man aber auch in seinen Werken nachlesen kann, blieben die jüdischen Ideen und Einflüsse in seinen Gedanken ein Leben lang erhalten.

Nach Paris und einem Jahresaufenthalt in Deutschland, ging Durkheim nach Bordeaux, wo er zwischen 1887 und 1902 Sozialwissenschaften und Pädagogik unterrichtete. In dieser Zeit entstand auch das erste französische sozialwissenschaftliche Journal „L´Année sociologique”, welches das Hauptwerk für die intellektuelle Entwicklung von Durkheims neuer Soziologie wurde. Durkheim schaffte es auch die Soziologie als eigene Universitätsdisziplin mit ihren eigenen Rechten durchzusetzen, wodurch er großen Einfluss in der Entwicklung der Soziologie und Anthropologie in Frankreich und anderen Ländern gewann. Neben diesen beiden Disziplinen beeinflusste er als Republikaner und parlamentarischer Sozialist auch die Politikwissenschaften, die Pädagogik und andere Sozialwissenschaften. Durkheim gilt als der erste, der die verschiedenen Wissenschaften zusammenführte und in Verbindung brachte.

Doch auch Durkheim und seine Arbeit waren nicht immun gegen den Einfluss anderer Disziplinen. Allen voran war es die Philosophie, die Durkheims Denken beeinflusste, zum Teil die cartesianische Tradition mit der Isolation des Gedankens als ein Objekt der Überprüfung, aber auch die Kants, die durch den französischen neo-kantischen Philosoph Charles Renouvier geleitet wurde, den Durkheim feierlich seinen „great master“ nannte [1]. Den kantischen Rationalismus demonstriert Durkheim in „Primitive Classification“ und seinem späteren Werk „The Elementary Forms of the Religious Life“.

Die Religion wurde erst in den späteren Jahren zum Hauptinteresse für Durkheim. Seine Studien über die Religion sind wohl die anthropologischsten von all seinen Arbeiten. Seine früheren Bücher „The Division of Labor in Society (1893), “The Rules of Sociological Method (1895)”, und „Suicide (1897)“ sind mehr soziologisch in ihrer Orientierung. Obwohl sie Durkheims Gedanken perfekt repräsentieren, ist es wohl das all umfassende Thema der Religion, das seine Gedanken am besten beschreibt [2].

Die 4 Hauptwerke Durkheims:

1.) The Division of Labor in Society (1893)
2.) The Rules of Sociological Method (1895)
3.) Suicide (1897)
4.) The Elementary Forms of the Religious Life (1912)

1.) The Division of Labor in Society (1893)
Durkheims zentraler Gedanke war den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft zu erklären, die Verbindung und soziale Beziehung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Vor allem der Unterschied zwischen den Gesellschaften war für Durkheim von großer Bedeutung. Er unterschied zwischen zwei Gesellschaftsformen, die industrialisierten und die nicht industrialisierten Gesellschaften – Gesellschaften mit spezialisierter Arbeitsteilung und ohne spezialisierte Arbeitsteilung. Sein Hauptinteresse lag darin zu erläutern, wie die Arbeitsteilung, die in gewisser Form in jeder Kultur vorkommt, die Beziehungen zwischen den Individuen beeinflusst. Für Durkheim stellte die Arbeitsteilung aber nicht den Zusammenfall der Gesellschaft dar, vielmehr war sie die Grundlage für eine ausgeprägte Form der gesellschaftlichen Ordnung, oder Solidarität. Er unterschied zwischen zwei Formen:
Organische Solidarität kennzeichnet Gesellschaften mit Arbeitsteilung, Industriegesellschaften, die auf Abhängigkeit der Individuen innerhalb der Gesellschaft beruhen. Diese Abhängigkeit ist laut Durkheim auch der Grund, weshalb die Arbeitsteilung die Gesellschaft nicht zerstört.
Im Gegensatz dazu beschreibt die Mechanische Solidarität Gesellschaften, die nicht durch Arbeitsteilung sondern durch andere Werte wie Religion Zusammenhalt finden. Eine typische Gesellschaftsform war die Unterteilung in Klans. Wenn ein Klan ausstarb, hatte dies keine Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft, da es ja moralische und rituelle Werte waren die sie miteinander verband.

2.) The Rules of Sociological Method (1895)
Nachdem Durkheim seinen persönlichen Glauben in seiner Jugend abgelegt hatte, war die Religion nichts Theologisches mehr für ihn. Vielmehr war sie etwas Soziales, das die Menschen ausarbeiten um nicht alltägliche Erfahrungen verstehen zu können und ihrem individuellen Leben als auch der Gesellschaft einen Sinn zu geben.
In diesem Werk erläutert Durkheim neue soziologische Forschungsmethoden: laut ihm war die Religion eine soziale Tatsache und weder die Psychologie, die Philosophie, noch die älteren Formen der Anthropologie konnten die Religion oder die Gesellschaft erklären - nur die neue Soziologie konnte Antworten darauf finden.

3.) Suicide (1897)
Durkheims Werk über den Selbstmord ist die erste ernsthafte Bemühung einen Empirismus in der Soziologie aufzustellen, einen Empirismus, der eine soziologische Erklärung für ein Phänomen liefern würde, das traditionell als psychologisch und individualistisch angesehen wurde [3]. Selbstmord wurde, zumindest in der westlich europäischen Tradition, als egoistisch angesehen, wobei im Gegensatz dazu in anderen Kulturen Selbstmord als etwas Positives betrachtet wurde. Durkheim erkannte, dass die grundlegenden Unterschiede der kulturellen Einstellungen wieder mit den religiösen Vorstellungen zusammenhängen. Er versuchte auch eine theoretische Erklärung für die sozialen Gründe des Selbstmordes zu finden und stellte zu diesem Zweck vier Typen auf:
Egoisitic suicide bei einem Mangel an sozialer Integration
Altruistic suicide bei einem Überschuss an sozialer Integration
Anomic suicide wenn die Gesellschaft scheitert ein Individuum inmitten einer schweren Krise zu unterstützen
Fatalistic suicide bei einem sehr hohen Ausmaß an Kontrollfunktionen

Durkheim beschäftigte sich vor allem mit dem anomic suicide, er definierte den Begriff der Anomie als Zustand, in dem soziale und/oder moralische Normen verwirrt, unklar, oder einfach nicht präsent sind. Er meinte, dass dieser Mangel an Regeln zu abweichendem Verhalten in der Gesellschaft führt [4].

4.) The Elementary Forms of the Religious Life (1912)
Durkheims letztes Werk über die elementaren Formen der Religion wurde und wird noch heute als sein bestes und voll entwickeltes angesehen. Um Religion erklären zu können verwendete er ein Fallbeispiel, und zwar das er Australischen Aborigines. Durkheim wählte diese Gruppe weil er dachte dass sie die elementarste Form von Religion in einer Kultur bildeten.
Für Durkheim war die Religion nichts Göttliches oder Übernatürliches, vielmehr sah er sie als Produkt der Gesellschaft. Sie war eine Form der Solidarität und Identifikation für Individuen innerhalb einer Gesellschaft, vor allem bei Gesellschaften des Mechanischen Solidaritäts- Systems. Religion lieferte einen Sinn im Leben, sie lieferte eine Autoritätsfigur, und, was am wichtigsten für Durkheim war, sie verstärkte die moralischen und sozialen Normen, die von allen in der Gesellschaft gehalten wurden [5].
Neben der Feststellung dass die Religion ein soziales Produkt war, identifizierte Durkheim auch bestimmte religiöse Elemente in seinem letzten Werk, die in den verschiedensten Kulturen häufig vorkamen. Vor allem die Unterteilung von verschiedenen Lebensaspekten, physischen Dinge, und bestimmten Verhaltensmustern in sacred und profane gab es in sehr vielen Gesellschaften. Sacred sind alle die Dinge und Verhaltensweisen die als spirituell und religiös gelten z.B. ein Teil eines Rituals, Objekte der Verehrung, oder von der Religion beeinflusste Handlungsweisen. Profane war alles andere auf der Welt, das nichts mit Religion oder religiösen Funktionen zu tun hatte. Obwohl man zwischen diesen beiden Dingen unterscheidet, betreiben sie doch eine Wechselwirkung und sind abhängig voneinander um zu überleben.
Durkheim sah als früheste Form der Religion den Totemismus, wie ihn die Aborigines Australiens pflegten. In seinem frühen Text "Primitive Classification" erläuterte er bereits, dass der Totemismus sowohl die natürliche Welt als auch die soziale Welt repräsentiert. Das Totem, meist ein Tier oder ein anderes „Wesen“ der Natur, steht für den Klan als Wahrzeichen, und darüber hinaus haben die Mitglieder des Klans spezielle, religiöse Hochachtung für das Totem, das mit Mythos und Ursprung assoziiert wird [6].

Bedeutung Durkeims:

Emile Durkheim gilt als der „Vater“ der Soziologie sowie der modernen Anthropologie, dessen Einfluss weit über Frankreich nach England und Amerika hinausging. Obwohl er als „armchair anthropologist“ galt, d.h. dass er niemals Feldforschung betrieb, orientierten sich viele nachkommenden Ethnologen an seiner Theorienbildung: A.R. Radcliff-Brown nahm Durkheims Ideen für seinen Funktionalismus auf, er beeinflusste Franz Boas Kulturrelativismus in Amerika, und nicht zuletzt war er ein großes Vorbild für seinen Neffen und Nachfolger Marcel Mauss. Er war der erste, der die gegenseitige Einflussnahme der Wissenschaften erkannte und sie in einen gemeinsamen gesellschaftlichen Kontext brachte, der die Anthropologie mit der Soziologie, den Politikwissenschaften, Religionswissenschaften, u.v.a. in Verbindung brachte, genauso wie es heute in der Kultur-und Sozialanthropologie noch von großer Bedeutung ist.

Emile Durkheim starb am 15.11.1917 an einem Schlaganfall in Paris.
Zur Wiederentdeckung seines Werks trug wesentlich sein Neffe, der Soziologe und Anthropologe Marcel Mauss (1872-1950), bei [7].



[1] Parkin, Robert: The French-Speaking Countries. In: Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman: One discipline, four ways: British, German, French, and American anthropology. Chicago 2005, S.172
[2] Parkin, ebenda. S.173
[3] http://durkheim.itgo.com/suicide.html, am 23.11.2005
[4] http://durkheim.itgo.com/anomie.html, am 23.11.2005
[5] http://durkheim.itgo.com/religion.html, am 24.11.2005
[6] Parkin, ebenda. S.175
[7] http://www.kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon/klassiker/durkheim/12bio.htm, am 24.11.2005

Friday, November 04, 2005

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